Mittwoch, 16. November 2011

Über Sinn und Unsinn von Ritualen/Zeremonien - Einladung zu Rohatsu-Zazen

Gerade vor Kurzem wollten wir unser freitägliches Zazen um eine kleine Abschlusszeremonie erweitern. So wie dies bei fast allen buddhistischen Gruppen Brauch ist. Allgemein üblich ist es auch, dann die Verdienste der Zazen- oder Meditations-Übung zum Wohle aller leidenden Wesen zu widmen.

Und wie immer, wenn etwas seine seit Jahren eingefahrene Bahn verlassen möchte, regen sich die einen oder anderen, kleineren oder gößeren Widerstände. Und natürlich sind wir hier im Westen durch unsere christliche Tradition vorgeprägt. Zum Teil erleben wir dann den Wechsel zu einer anderen spirituellen Richtung wie eine Befreiung von all diesen alten Zwängen und Gewohnheiten. Noch lebendig vorhandene alte Muster führten tatsächlich auch dazu, eine im Stehen vorgetrage Rezitation als "Strammstehen" zu bezeichnen. Eigentlich ist dies ein militärischer Begriff, den ich in dem Zusammenhang mit Buddhismus als der Religion des Mitgefühls und Friedens nicht so ganz einordnen kann. Evtl. könnte man dies auf die notwendige Disziplin beziehen, die in Klöstern oder bei Zazen-Regeln erforderlich ist, aber das ist auch schon alles.

Wie dem auch sei, in unserem Leben und dem der gesamten Menschheit spielen Rituale eine große verbindende Rolle. Sie dienen als Übergänge von einem Lebens- oder Entwicklungsabschnitt zum nächsten, vermitteln Kindern Geborgenheit, Annahme und Trost und drücken immer eine gemeinsame Verbundenheit aus.
In der menschlichen Beziehungspsychologie hat man festgestellt, dass sich Menschen entweder mit innerlichen Vorgängen wie Träumen, Phantasien u.a., mit auf die Zukunft gerichteten Gedanken wie Tätigkeiten oder Vorhaben, oder mit sozialem Verhalten beschäftigen. Genau zu diesem sozialen Verhalten gehören auch Rituale und Zeremonien.

Auf unserer China-Reise hatten wir mehrfach die wunderbare Gelegenheit, bei Zeremonien in buddhistischen Klöstern anwesend zu sein. Ganz lebhaft erinnere ich mich an eine Zeremonie in dem Frauenkoster, dem Kloster der Zen-Vorfahrin Moshan, eine der wenigen Frauen, die Eingang und Respekt in der damaligen von Männern dominierten Klosterwelt gefunden hatte.

Nach einem Gespräch mit der leitenden Direktorin und Besichtigung des geplanten Klosterneubaus wurden wir zu einem Service eingeladen. Die Direktorin schlug rythmisch zu den Rezitationen den großen Mokugyo und eine erst kürzlich vollordinierte Nonne, zu sehen an ihren frischen Malen des Räucherwerks auf ihrem kahlgeschorenen Kopf, vollführte die Niederwerfungen und mit ihren Händen eine Gestensymbolik auf ansprechend grazile und bestimmte Weise. Da wir leider des Chinesischen nicht mächtig waren, dem Inhalt zu folgen, hat um so mehr die äußere Form einen tiefen Eindruck bei allen hinterlassen. 

 

Ein weiteres Mal waren wir bei der Feier zu Ehren von Guanyin, Avalokiteshvara oder Kannon, wie das geistige Prinzip des tätigen Mitgefühls in Japan genannt wird, dabei. Ursprünglich ein männlicher Bodhisattva wandelt diese Manifestation ihr Geschlecht und erscheint in China, Korea und Japan als weibliches Wesen, vergleichbar vielleicht der christlichen Maria. Auch hier waren wir alle in den gesamten Ablauf der Zeremonie eingebunden, langes Stehen, Niederwerfungen, ein plötzlicher Aufbruch mit innerer Umrundung der Buddha-Halle, wiederholten Niederwerfungen und Rezitationen - eher ein Singsang, chanten ist wohl der präzisere Ausdruck -, bis dann alle die Buddha-Halle verließen. Besonders beeindruckend war hier der große, wenn nicht sogar überwiegende Anteil der Laien. Es war ein hoher Feiertag und das ganze Kloster überschwemmt von Räucherstäbchen schwingenden und Niederwerfungen machenden Personen. Beim anschließenden Mittagessen platzte der große Speiseraum fast aus allen Nähten.


Für mich war es einfach wunderbar zu sehen, wie sehr die buddhistische Tradition in China lebendig ist und von der Bevölkerung angenommen und praktiziert wird. Dies alles bestärkt mich sehr, darauf hinzuwirken, baldmöglichst auch eine Zeremonie nach dem freitäglichen Zazen durchzuführen. An den weiteren im neuen Jahr dazukommenden Montag- und Donnerstagabend-Terminen wird nur reines Sitzen angeboten werden.


Nach unserer geistigen Übung des Loslassens von allen diskursiven Gedanken und eingefahrenen Verhaltensmustern ist es für mich nur normal, meine Hochachtung und Wertschätzung für das große geistige Potential, das uns allen zu eigen ist, und das auch mit Buddha-Natur beschrieben wird, auszudrücken. Ich verehre dabei nicht eine Statue oder eine Gottheit, sondern das geistige Vermögen, das uns immer wieder in den gegenwärtigen Augenblick bringt und uns eine Welt voller Wunder erleben lässt.

Diese Erleuchtungserfahrung erlebte Buddha Shakyamuni nach der Überlieferung am 8. Dezember als Eingehen ins Nirwana. Traditionell wird dieser Tag als buddhistischer Feiertag betrachtet und ist oft in ein längeres Rohatsu-Sesshin eingebunden. Wir werden an diesem Tag von 19 - 22 Uhr praktizieren. Wer interessiert ist, am Donnerstag Abend dabei zu sein, möge bitte eine kurze Mail senden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen