Mittwoch, 4. Mai 2011

OKESA - das Reisfeld (II)

Als Dogen in seiner Jugend unter Myozen den Dharma studierte, tat er dies mithilfe der damals neu nach Japan gekommenen Koans. Er hatte seine etwa neunjährige Ausbildung darin unter Myozen abgeschlossen, als er mit ihm nach China aufbrach. Dort sammelte er mit Interesse 300 Koan-Fälle aus der chinesischen Zen-Literatur, die er in einer eigenen Sammlung zusammenfasste und mehr als 75 Fälle davon in sein Werk Shobogenzo miteinfließen ließ. 

Yangshan stellt seinen Rechen

Meister Yangshan wurde von Meister Guishan gefragt: "Wo bist du gewesen?"
Meister Yangshan antwortete: "In der Mitte der Reisfelder."
Dies wollte Meister Guishan genauer wissen: "Wie viele Leute waren dort in den Reisfeldern?"
Meister Yangshan hielt seinen Rechen mit beiden Händen fest und blieb aufrecht vor ihm stehen.
Darauf erwiderte Meister Guishan: "Heutzutage gibt es viele Leute, die hier am Süd-Berg das Unkraut jäten."
Meister Yangshan ging seinen Rechen schulternd davon.

Diese beiden Meister tauchen in Dogens Koan-Sammlung überdurchschnittlich häufig mit mehr als 20 Fällen auf. Meister Guishan ist Dharma-Nachfolger von Meister Baizhang, der für seinen Ausspruch: "Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen" bekannt ist. Guishan und Yangshan begründeten zusammen eines der "Fünf Häuser des Zen in China", die Guiyang Schule. Im Verlauf der Song-Dynastie wurde die Guiyang Schule später mit der Fayan- und Yunmen-Schule in die Linji Schule einverleibt und begründete die Rinzai Tradition. Die daneben bestehende Caodong Schule wurde in Japan zur Soto-Linie.

Auf den ersten Eindruck ist dieses Gespräch im Koan eine ganz alltägliche Begebenheit. Ein Meister fragt seinen Schüler und es entwickelt sich ein Dialog. Dies ist aber recht offensichtlich nur eine einseitige, konventionelle Betrachtungsweise. So schreibt auch John Daido Loori in seinem Kommentar zu diesem Koan, dass Vater und Kind einen Dharma-Tanz aufführen, um kommenden Generationen den Weg zu bahnen. Er stellt sich weiterhin die Frage, wie viele es verstehen werden und wie viele daraus wieder Nester im Sinne von falschen gedanklichen Konzepten erschaffen werden.
 
In Zen-Koans wird bei solchen Dialogen neben der augenscheinlichen, oberflächlichen Betrachtungsebene auch immer etwas Tiefgründiges, der absolute Bereich, angesprochen.
Stellt man sich vor, dass der Meister den Schüler mit seinem Namen rief und ihn nicht finden konnte, dann lässt das auch darauf schießen, dass er das Selbst, das Ego, des Schülers nicht finden konnte. Yangshan war so voller Konzentration bei seiner Arbeit, dass sein benennbares Selbst, nicht mehr auffindbar war. In diesem Moment war er selbstlos in seiner Arbeit aufgegangen. Deshalb konnte er Meister Guishan auch nicht beantworten, wer sonst noch um ihn herum auf diesen Reisfeldern beschäftigt war. Ausgedrückt wird es symbolisch durch die aufrechte Haltung seines Rechens mit beiden Händen und das ruhige Stehenbleiben, er stand gänzlich in seiner eigenen Mitte ruhend vor Meister Guishan. 
Die weitere Feststellung von Meister Guishan zeigt, dass auch viele andere mit genau der gleichen Tätigkeit beschäftigt sind und es anhaltender Anstrengungen bedarf, die Täuschungen und falschen Vorstellungen über ein eigenständig existierendes Selbst aufzugeben.

Umrandung des Okesa
Yangshan und Guishan waren durch ein vertrautes Lehrer-Schüler-Verhältnis miteinander in vollem geistigem Einklang, so dass dem Gespräch nun von Seiten Meister Yangshans nichts mehr hinzuzufügen war. Er schulterte seinen Rechen und ging weg.

Beim Nähen des Okesa oder eines Rakusu, der Annahme der Bodhisattva-Gelübde, hat man auch diesen tiefen Wunsch in die Einsicht und Verwirklichung der eigenen  Selbstlosigkeit, um zum Wohle aller anderen Wesen zu wirken. Man erkennt in gegenseitiger Verbundenheit, dass alle Lebewesen den Wunsch nach Glück und geistiger Befriedung haben und führt diese Aufgabe voller Hingabe und Konzentration aus; eine Arbeit, die genauso anstrengend und ohne absehbares Ende erfolgt, wie das Jäten von Unkraut.